Wenden wir uns nun einem ganz anderen Gestaltunggebiet zu, der Gestaltung von Verkaufräumen am Beispiel eines Juweliergeschäftes. Die neue Niederlassung des Auftraggebers sollte in bester Einkaufslage situiert sein, aber nicht in Konkurrenz zu seinen anderen Geschäften stehen. Auch diese Aufgabenstellung kann durch eine geomantische Vorgehensweise, die die Zusammenhänge eines größeren Gebietes, wie dem eines Stadtviertels aufzeigt, überzeugend bewältigt werden. In dem 1996 fertiggestellten WDR-Arkaden, einem postmoderen Gebäude für Dienstleistung und Einkauf im Herzen Kölns wurde das entsprechende Ladenlokal gefunden.

plan-schmuckraumDer interessante Grundriß, der sich über 180 m² Verkaufsfläche zwischen der nach Süden gelegenen Einkaufsstraße und dem nach Norden gelegenen Wall, einem atriumgleichen Innenhof, erstreckt, stellte höchste Anforderungen an den Gestalter (siehe Abb. 4: die wesentlichen Gestaltungsformen sind farbig hervorgehoben). Nach der geomantischen Analyse wurde in Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber ein Konzept entwickelt, das vorsah, einen „Zeitraum“ zu kreieren. Der Schmuck sollte sich im Ausdruck und Ausstrahlung frei entfalten können, so daß die Schmuckräume zum Verweilen und sich Wohlfühlen einladen würden. Die Atmosphäre sollte von einer freundlichen, kompetenten und individuellen Kundenberatung getragen sein, einem langjährigen Qualitätsmerkmal des Kölner Schmuckhauses, Schmuckkauf als Erlebnis, inmitten der nervenden Hektik der Innenstädte, ein Ort zum Auftanken und Aufatmen, so könnte man das Konzept zusammenfassen.

Das Ortspsychogramm bestimmte die Gestaltungsprinzipien: Sich-Wohl-Fühlen und Klarheit. Dem gegenüber stand ein Spannungsaspekt in den Bereichen, die mit fehlender Wärme und Vertrauen zu tun hatten, den es natürlich auszugleichen galt.

Im ersten Gestaltungsschritt wurde die Inneneinrichtung nach dem Grundsatz der Klarheit, Transparenz und Einfachheit entworfen mit dem Ziel, eine großzügige Verkaufslandschaft entstehen zu lassen. Das Ortspsychogramm legte auch hier die Materialien fest: Glas, wenig Metall, Stein und viel Holz, sonst nichts. Auch innerhalb jeder Materialgruppe wurden nicht mehr als zwei unterschiedliche Arten gewählt, um eine Überladung zu vermeiden.

Da die Verkaufsräume nach drei unterschiedlichen Schmuckthemen geordnet waren, wurden schon in der Rohbauphase drei unterschiedliche Begehungsebenen eingebaut. Der südliche, zur Einkaufsstraße gelegene Verkaufsraum, der sogenannte „Freiraum für Brillianz“, wurde nach den Gestaltungsprinzipien der Neuen Geomantie transparent und klar gehalten. Zwei geöffnete Halbkreise, Verkaufstheke und Beratungstisch, vertreten die Idee des sich Öffnens, auch dem sich Öffnen von Mansch zu Mensch.

Ganzheitliche Raumgestaltung

Im nördlichen Verkaufsraum, mit seinem dreieckigen Grundriß und der Verglasung von Ost bis West, wurde im Schaufensterbereich eine Steinlandschaft installiert. Die Steinsetzungen und Ruhe, zwei Qualitäten, die die Voraussetzung zum sich Wohlfühlen bilden. Im westlichen Teil dieses Dreiecks entstand der „Kunstraum für Handfertigkeit“, die Goldschmiedewerkstatt, im östlichen Teil die „Spielräume für Kreativität“ mit der Präsentation von Designer-Schmuck und den Kreationen aus der eigenen Werkstatt. Die Raumnutzung entspricht hier ganz dem Ortspsychogramm, das z. B. Auskunft über dynamische Raumqualitäten (geeignet für handwerkliche Tätigkeiten) geben kann. Auch hier folgt die Nutzung der Räume einer inneren Logik und ökologischen Gesetzmäßigkeit.

Im zentralen Verbindungsteil zwischen beiden Verkaufräumen, dem „Zeitraum für Präzision“, benannt wegen seiner Präsentation hochwertiger Uhren, wurde eine Mitte kreiert, die frei ist. Die tieferliegende Begehungsebene dieses Raumes, mit seiner erhabenen Höhe von fast 6 m, erhielt eine sinnlich anmutende Atmosphäre, in der die Zeit scheinbar langsamer vergeht. Die Ostwand dieses Raumes öffnet sich in einer weiteren Einwölbung, die in einem tiefen Pariser Blau mit Spuren von Blattgold gehalten ist. Die Wand scheint den Mittenraum umfassen zu wollen und gleichzeitig öffnet sie sich durch eine senkrecht aufsteigende Lichtfolge in ein imaginäres Außen. Die Westwand hingegen ist in zarten Ocker- und Aprikot-Tönen gehalten, die in einer speziellen Frescotechnik aufgetragen wurden, mit einem Finish aus seidenmattem Bienenwachs. An dieser Wand befindet sich ein aus einem einzigen, schwarzen Marmorblock gearbeitetes großes Wasserbecken, zu dem das Wasser über gestufte Eichenholzrinnen geführt wird, die aus der Tiefe des südlichen und nördlichen Raumes kommen.

Der Wasserklang schafft einen neuen Raum, die Gestaltung und Farbgebung eine Biosphäre von Wärme, Offenheit, Freundlichkeit, Sinnlichkeit und Frische. Hier kommen die Qualitäten von Stille und Klarheit, von Vertrauen und Freundlichkeit zusammen. Trotz aller Begrenzungen postmoderner Architektur kann durch eine ganzheitliche Gestaltung wieder eine Beziehung zu dem hergestellt werden, was wir am wenigsten haben: Zeit und Muse, das Präsent einer gelungen Präsentation.

Lohnt sich der Aufwand?

Ob sich dieser ganze Aufwand denn lohnt, möchten Sie vielleicht wissen? Unternehmensstrategien, die auf Offenheit und Kooperation beruhen - Offenheit in der Gestaltung wie in der Kundenberatung, Kooperation voll im menschlichen Miteinander und einer Gestaltung, die alte Qualitäten eines Ortes einbezieht - können nur erfolgreich sein, denn sie wirken von der materiellen Ebene über die seelische bis in die geistige Ebene des Unternehmens. Die materielle Ebene läßt sich zunächst statistisch erfassen: Seit der Geschäftseröffnung steigen die Umsätze Jahr um Jahr, trotz aller wirtschaftlichen Rezession, kontinuierlich und zügig.

Einige Pioniere sind diesen Weg schon gegangen, viele werden folgen, denn Kontinuität ist in unserer schnellebigen Zeit zu einem unschätzbaren Kapital geworden. Kontinuität wird durch die vier Grundregeln der Ökologie gewährleistet. Wie bei unserem Planeten die Atmosphäre grundlegend für das Überleben ist, wird auch die Unternehmensatmosphäre durch eine ökologische Gestaltung Standortgestaltung maßgeblich am langfristigen, verträglichen Erfolg eines Unternehmens beteiligt sein. Die Aufgabe der Neuen Geomantie ist es, die menschlichen Eingriffe in die natürlichen Ökosysteme von Standorten durch eine umfassende Gestaltung zu balancieren. Das Fachgebiet heißt „integratives Design“, ein  Beruf mit Zukunft.